Suizid: Ein Tabuthema, das keines sein sollte

Kärnten - Der 10. September ist Welttag der Suizidprävention. In Kärnten findet aus diesem Anlass, bereits zum zweiten Mal, eine Fachtagung satt, um das Thema Suizid und Depression zu enttabuisieren und konkrete Maßnahmen und Strategien zur Hilfe vorzustellen. Hunderte Anmeldungen zur Veranstaltung im Parkhotel Villach belegen die Notwendigkeit sich mit diesem schwierigen Thema auseinanderzusetzen.

„Wir wollen den Welttag der Suizidprävention nutzen, um gezielt auf dieses weitgehend tabuisierte Themen aufmerksam zu machen, Bewusstsein zu schaffen und Stigmata zu beseitigen „, erläuterte heute, Freitag, im Rahmen einer Pressekonferenz Gesundheitsreferentin LHStv.in Beate Prettner.

Alarmierende Zahlen

Denn, die aktuellen Zahlen sind alarmierend. Tatsächlich sterben in Österreich pro Jahr ca. 1.300 Personen durch Suizid. Das sind zweieinhalb Mal so viele wie durch Verkehrsunfälle. Kärnten und die Steiermark sind leider seit Jahren Spitzenreiter in dieser Statistik. Von 1. Jänner bis 6. September 2018 begingen 94 Kärntnerinnen und Kärntner Suizid, 72 Prozent davon waren Männer, traditionell das Geschlecht mit höherem Suizidrisiko. Mit 13 und zehn Toten „führen“ die Bezirke Wolfsberg und Villach Land. Die wenigsten Suizide wurden in den Bezirken Hermagor und Feldkirchen verübt. Die hauptbetroffene Altersgruppe ist jene der 45- bis 49-Jährigen.

Psychische Gesundheit wird teils vernachlässigt

„Während aber über Todesfälle z.B. im Straßenverkehr intensiv diskutiert wird, werden psychische Gesundheit und Suizide nur am Rande gestreift“, so Prettner. Einem Suizid bzw. Suizidversuch geht häufig eine depressive Phase voraus. Schon heute erkrankt jeder fünfte Österreicher im Laufe seines Lebens an einer Depression, jeder dritte ist von einer psychischen Krankheit betroffen. Tendenz massiv steigend, gerade in Bezug auf psychische Erkrankungen ausgelöst durch das Arbeitsumfeld und Arbeitsbedingungen – eine Trendumkehr in diesem Bereichen ist aufgrund der derzeitigen, forcierten politischen Rahmenbedingungen (Stichwort 60-Tage Woche) – auch nicht zu erwarten.

Psychiatrieplan 2020 als Teil

„Kärnten hat daher ein Bündel an Maßnahmen im Kampf gegen Depression und Suizid geschnürt“, informierte Prettner. Zum einen ist dies der Psychiatrieplan 2020, der in den Regionen sechs Ambulatorien sowie mobile Teams vorsieht (bis 2020 wird in Kärnten eine flächendeckende psychiatrische und psychotherapeutische Versorgung umgesetzt sein). Zum anderen ist es das europäische „Bündnis gegen Depression“, dem sich Kärnten – nach Tirol und Niederösterreich als drittes Bundesland – angeschlossen hat. Das Bündnis mit dem Projektträger pro mente Kärnten rückt drei Themenbereiche in den Vordergrund: Die Erstellung einer Datenbank (die Daten helfen, faktenunterlegte Schlüsse zu ziehen und daraus quasi maßgeschneiderte Strategien zu entwickeln); Maßnahmen in der schulischen und außerschulischen Kinder- und Jugendarbeit; Medien- und Öffentlichkeitsarbeit, um die Menschen wachzurütteln und Bewusstsein zu schaffen.

Suizidprävention Austria – SUPRA Initiative

Im Rahmen des Bündnisses wurden von Land Kärnten und pro mente bereist Vorbereitungen und Maßnahmen für die SUPRA Initiative (Suizidprävention Austria) gesetzt. Die Koordinationsstelle „SUPRA Kärnten“ des Landes Kärnten, hat sich zum Ziel gesetzt, den hohen Suizidzahlen in Kärnten entgegenzuwirken, Wissen und Sensibilisierung zur Thematik des Suizids zu vermitteln, auf die hohen Suizidzahlen in Kärnten hinzuweisen, Informationen zu Notrufnummern und Hilfsangeboten in Kärnten aufzuzeigen und die Kooperation von Kärntner Versorgungsstrukturen zu stärken. So wurden im Rahmen von SUPRA bereits 20 Vorträge zum Thema „Depression und Suizidalität“ in den Gesunden Gemeinden abgehalten sowie zwölf Multiplikatorenschulungen zum Thema „Suizidprävention“. Es ergingen Informationen an alle praktischen Ärzte, Apotheker, Polizeistationen, BHs, Bürgermeister, Pflegedienste etc. „Ziel ist es Fachkräfte, Angehörige und Schlüsselpersonen mit möglichst vielen Informationen zum Thema Suizidprävention und Suizidgefährdung auszurüsten um rechtzeitig Maßnahmen zu setzen, die das Schlimmste verhindern“, so Prettner.

Entsprechende Daten sammeln

„Seit 2017 sammeln und analysieren wir jeden Suizidfall in unserer Datenbank um Ursachenforschung und in weiterer Folge die gezielte Prävention voranzutreiben“, erläuterte Oberlerchner. „Alter, Region, Arbeitsplatz, psychosoziale Situation – wir nehmen das gesamte Umfeld in unserer Analysen auf und können dementsprechende Rückschlüsse ziehen und Maßnahmen setzen. Konkret bedeutet das z.B., dass wir mittlerweile wissen, dass die dritthäufigste Suizidmethode in Kärnten, dass Springen aus großen Höhen ist. Wir wissen von den „Hot Spots“ an denen das passiert und können sie nun adäquat absichern. Das passiert tatsächlich durch Sicherungsnetze an Brücken oder Türmen und konkreten Hinweisschildern, auf denen Kontaktinformationen zu Not, – und Krisendiensten stehen“, sagte Oberlerchner. Über die Datenbank können auch sogenannte Hochrisikoberufe für Suizid identifiziert werden: Land- und Forstwirte, Mediziner und Biowissenschaftler, Sicherheitskräfte, Fabrikarbeiter und Hilfsarbeiter. Die deutliche Männerlastigkeit erklärt sich durch die Tatsache, dass Frauen bei Selbstmordversuchen am häufigsten eine Vergiftung durch Medikamente wählen würden. Hier sei die Wahrscheinlichkeit einer Rettung wesentlich höher als bei den „männlichen“, aggressiveren Selbstmordarten.

Enttabuisierung

Die wichtigste und effektivste Kampfmaßnahme zur Suizidprävention ist für die Villacher Primaria Christa Rados „die Enttabuisierung und dass die Thematik in die Köpfe der Menschen dringt. Es geht darum, psychische Erkrankungen zu erkennen. Nur dann können wir darauf reagieren.“ Im Rahmen der Fachtagung wird diese Enttabuisierung und Bewusstseinsbildung erneut angesprochen – auch was den Umgang mit Suizid in der Medien, – und Öffentlichkeitsarbeit betrifft. „Wir alle kennen den „Werther-Effekt“, die Nachahmung von Suizid aufgrund eines prominenten Vorbildes. Hier gilt es in der Berichterstattung besondere Sensibilität walten zu lassen und Sprache und Bilder eher von Emotionen weg zu führen. Andererseits beobachten wir aber auch den umgekehrten Fall, den „Papageno-Effekt“, bei denen prominente Vorbilder erzählen, wie sie tiefe Depressionen und Suizidgedanken überwinden konnten – auch das kann Vorbildwirkung haben“, so Rados, ihres Zeichens Präsidentin der österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie. „Der Kärntner Weg geht in die richtige Richtung, es wird sehr viel getan, die Datenbank ist dabei eine unverzichtbare Komponente das Präventionsangebot zu bündeln, zu schärfen und zielgerichteter auszubauen“, so Rados. „Auch auf administrativer Eben wird das Thema Suizid neu bewertet, wie das Vorhaben eine zusätzliche Kassenstelle für psychiatrische Versorgung in Kärnten einzurichten beweist“, betonte Rados.

Weitere Infos

Psychiatrischer Not- und Krisendienst (PNK) für Kärnten: PNK Ost (Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie, Klinikum Klagenfurt) Tel.: 0664/3007007,täglich 0-24 Uhr. – Online unter www.kabeg.at. PNK West (Abteilung für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin, Landeskrankenhaus Villach) Tel.: 0664/3009003, täglich 0-24 Uhr. – Online unter www.kabeg.at.
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