Eine Affäre mit Nachwehen

Es war einmal ein Rotlicht…!

Hermagor -

Es zählte zu den meistdiskutierten Themen der Achtzigerjahre in der Stadt wie im Bezirk Hermagor und bot Anlass für viele Diskussionen: Das Laufhaus in Möderndorf im Hause Nummer 7.

Hetz fahr`ma nach Möderndorf“: So hieß es immer und immer wieder, wenn in den Gasthäusern im Tal die Wirtsleute die Männer zur Sperrstunde mahnten. Dort, in diesem Etablissement, gab es diese frühen Sperrstunden nicht, vielmehr ging es da erst richtig zur Sache. „Oft fuhren wir aus reiner Neugier dorthin, um uns die Damen anzusehen“, erinnert sich ein Hermagorer. Er war damals knapp Dreißig und ledig. „Natürlich war auch interessant, wer sonst noch von den Geschlechtsgenossen dort verkehrt“, erzählt er. Diese neue Infrastruktur ließ bei Möderndorfern auch die Brust anschwellen, nicht wenige sahen ihren Heimatort als konkurrenzloses „Moderndorf“.

 

Alles vertreten

Da sei so ziemlich alles vertreten gewesen, was in Hermagor mehr oder weniger Rang und Namen hatte. Ob Wirtschaftsleute, Politiker, Adabeis oder der sogenannte einfache Mann von der Straße. Die Palette der Besucher wie ihre Triebkraft dorthin zu fahren war breit: Da labten sich Neugierige, Spanner, Komplexler, Frauenversteher und Genießer an den teuren Getränken und am Anblick der leicht bekleideten Damen. Viele schätzten ihre verständnisvolle Gesprächsbereitschaft, man(n) konnte sich bei ihnen ein wenig ausweinen, wenn daheim der Haussegen schief hing, weil halt einiges nicht mehr so rund lief. Sie hatten für so gut wie jeden Besucher, der das Gespräch an der Theke mit ihnen suchte, ein probates Mittel parat, um das starke Geschlecht aus dem jeweiligen seelischen Jammertal zu führen. Natürlich zogen einige eher den Kontakt in trauter Zweisamkeit und hinter verschlossenen Türen vor. Niemand möchte bei einer solchen Intensivbehandlung von den Blicken anderer gestört werden. Im Ort regte sich bald Widerstand, der nächtliche Verkehr nahm mehr und mehr zu und ließ viele Anrainer nicht mehr zur Ruhe kommen. Die Behörden wurden eingeschaltet, die Gendarmerie trat auf den Plan und allerseits wurde eheste Abhilfe zugesagt. Inzwischen regte sich mehr und mehr Unmut: Vor allem den Ehefrauen potentieller Besucher war dieses Haus ein Dorn im Auge. Sie haderten oft mit der Tatsache, dass ihr Angetrauter nächtens oft und viel zu lange wegblieb. Er wird doch nicht in Möderndorf sein?

Ein Erziehungsmittel?

Dieser Verdacht stand damals oft im Raum. Allein die Möglichkeit bildete immer wieder den Anlass für gehörige Standpauken seitens der Frauen in Richtung ihrer Ehemänner. „Genauso nahmen das auch Ehemänner zum Anlass, ihren Frauen mit Möderndorf 7 zu drohen, wenn sie zum Beispiel beim Kochen stark nachgelassen haben“, weiß ein Kühwegbodener. Allein das Wort Möderndorf soll, so wird aus verlässlicher Quelle berichtet, kleine Wunder in Küche, Speis und Schlafzimmer bewirkt haben. „Da gab es für die Männer wieder vorher längst gekündigte Streicheleinheiten, und am Tisch standen wieder herzhafte Frühstücke und mit Liebe zubereitete Speisen“. Die Frauen bemühten sich von neuem um ihre Männer. Im Nachhinein von einer segensreichen Einrichtung zu sprechen, wäre dennoch unangepasst. Möderndorf 7 hat aber auf vielen Ebenen zu durchaus interessanten Reaktionen geführt.

Schließungsbescheide

Die behördlichen Reaktionen ließen allerdings die Damen und ihre im Hintergrund agierenden Zuhälter relativ kalt. Schließungsbescheide und Prostitutionsverordnungen blieben unbeachtet, es gab keine Adressaten. Diese ständigen Auseinandersetzungen und Kontrollen wirkten sich lähmend auf den Betriebszweck aus. „Wir werden dauernd behindert“, soll die Chefin oft geklagt haben. Am Ende verließen die Damen dieses Haus und ließen sich, offenbar als improvisierte Zwischenstation gedacht, in einen am Ortsrand stehenden, auf Etablissement umgebauten und dafür adaptierten ehemaligen Prechtl-Zirkuswagen nieder. Doch auch hier rissen die Probleme mit Grundbesitzern und Behörden nicht ab. Die Damen warfen schließlich das Handtuch, suchten sich einen neuen Standort und siedelten im August 1988 mit ihrem Gefährt nach Tröpolach. Dort herrschte ein erbitterter Streit zwischen zwei Grundbesitzern, einer bot den Damen Platz für die Aufstellung ihres Gefährtes an. Doch auch hier waren die Akteurinnen allgemein nicht willkommen, der auf vier Rädern stehende Betrieb mitten im Karnischen Ortszentrum sorgte für viel Aufregung. Wenngleich die stets freundlichen Damen kräftig die Werbetrommel rührten und Ortsbewohner dieses christlichen Dorfes am Beginn zu „Tagen der offenen“ Türe luden. Wieder kam es zu behördlichen Verfahren von BH und Gemeinde. Das alles konnte aber ein absehbares Ende dieser Causa nicht sicherstellen. Die drei Damen, die am Beginn in Strau bei Ferlach und dann in Möderndorf wirkten, ließen sich einmal mehr von neu beschlossenen Prostitutionsverordnungen und Bürgerprotesten nicht beeindrucken. Ihre Zuhälter ließen das mobile Freudenhaus sogar durch mehrere scharfe Hunde bewachen. Das alles war letztlich vergebliche Liebesmüh. Denn im Herbst 1988 fiel dieser wenig mondäne Lusttempel einer offenbar bis ins kleinste Detail geplanten Kommandoaktion zum Opfer.

Unrühmliches Ende

In einer nächtlichen voll durchgeplanten „Entführungsaktion“ wurde der zu diesem Zeitpunkt unbefraute und kurzzeitig unbewachte Zirkuswagen kurzerhand gekidnappt, zur Tröpolacher Gailbrücke verfrachtet und dort unbeschädigt abgestellt. Später bekannte sich die zuvor unbekannte „Tröpolacher Cobra“ zu dieser erfolgreich verlaufenen Kommandoaktion. „Diesen Schock konnten die Damen hingegen nicht mehr verarbeiten, sie brachen in Tröpolach ihre Zelte ab und wurden danach nicht mehr gesehen“, erzählt ein Einheimischer. Im Sinne des Allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuches – daher ganz und gar nicht zweideutig – benannten später Rechtsexperten den Zirkuswagen als „herrenloses“ Gut. Über den Winter 1988-1989 rostete der Zweiachser am Gailufer vor sich hin, bis ein bekannter Altwarenhändler Erbarmen zeigte und das fahrbare Etablissement zu sich heimholte. Der Verwendungszweck änderte sich allerdings grundlegend. Im Wageninneren, wo es früher hoch herging und Banknoten in engen Korsetten verschwanden, warteten plötzlich eine Vielzahl technischer, allerdings alter Ersatzteile auf interessierte Kauflustige.
Damit fand ein sicher außergewöhnliches, aber jahrelang heiß diskutiertes wie heftig kritisiertes Gailtaler „Freizeitangebot“ ein Ende. Was die Behörden nicht schafften, erledigte eine zivile Cobraeinheit im Handumdrehen. Möderndorf 7 bleibt aber vielen als Infrastruktur der anderen Art in mehr oder weniger angenehmer Erinnerung.

Text und Fotos: Leopold Salcher