Braucht Hermagor eine AHS-Unterstufe?

AHS Unterstufe im Brennpunkt

Hermagor - Braucht unser Bildungssystem ein gegliedertes Schulsystem, oder sind Differenzierungsmaßnahmen in der Schule sinnvoller? SPÖ-Bildungssprecher im Landtag Stefan Sandrieser und NMS- Hermagor Dir. Norbert Leitner luden zum Gespräch.

Dir. Norbert Leitner und Stefan Sandrieser luden zum Gespräch
In Hermagor steht bekanntlich eine AHS-Unterstufe zur Diskussion. Laut Stefan Sandrieser, SPÖ-Bildungssprecher im Landtag, habe die Realität aber das gegliederte Schulsystem längst überholt. In Europa gäbe es nur mehr wenige Länder mit diesem mehrgliedrigen Schulsystem. Sandrieser betont, dass die Lehrpläne der ehemaligen Hauptschule (heute Neue Mittelschule – NMS) und AHS-Unterstufe bereits über Jahre Wort-ident seien, es eben im Lehrplan überhaupt keinen Unterschied zwischen AHS und NMS gäbe.

Gleiche Ausbildung für Pädagogen, selber Lehrplan

Weiters führt er aus, dass heuer erstmals Lehramtsstudenten ihre Ausbildung abschließen, die allesamt dieselben Inhalte übermittelt bekommen haben. Es gäbe schlichtweg keine getrennte Ausbildung mehr für AHS- und Mittelschullehrer. Alle können ihre Ausbildung mit einem Master abschließen und damit sowohl in AHS, als auch in der NMS unterrichten. Auch das Dienstrecht für Pflichtschullehrer und AHS-Lehrer wäre ident. Er sähe das Festhalten an einem gegliederten Bildungssystem ad absurdum geführt und den Ruf nach einer AHS-Unterstufe für Hermagor als Kampf ums „Pickerl“ bzw. Image der „besseren“ AHS-Ausbildung.

Vorgabe des Bundes ist das Management der Bildung

Mit Einrichtung der Bildungsdirektion gibt es keine getrennten Pflichtschulinspektoren, AHS-Inspektoren, HTL-Inspektoren oder Schulverwaltungstechnische Bezirke mehr, nur noch je einen Bildungsleiter, der die Schulaufsicht inne hat, für OST und WEST. Auch die Landesschulinspektoren mussten einem Schulqualitätsmanager weichen, es gibt nur noch die Regionen OST und WEST, die gleichwertig nebeneinanderstehen.

Bildungsreport

Stefan Sandrieser zitiert den soeben veröffentlichten Bildungsreport: „Durch dieses gegliederte Schulsystem werden soziale Unterschiede in unserer Gesellschaft manifestiert, weil nur bildungsaffine Eltern ihre Kinder in die AHS drängen.“

Kann NMS Hermagor neben der AHS bestehen?

Er betont, dass es der NMS gelang, gute Differenzierungsmaßnahmen zustandezubringen und brachte das Beispiel, dass auch beeinträchtige Kinder im Rahmen der Inklusion integriert und nicht in räumlich getrennten Bildungseinrichtungen unterrichtet würden. Das Schulsystem der Zukunft bräuchte Differenzierungen innerhalb eines Jahrganges – aber innerhalb der NMS! Er sieht das bestehende Bildungsangebot der NMS Hermagor gefährdet. Fürs kommende Jahr wären 64 Schüler eingeschrieben, das entspricht 2-3 Klassen. Wenn diese Schüler dann zum Teil 2020/21 in eine AHS wechseln, könnte es dann nur mehr für eine NMS-Klasse in Hermagor reichen und dieses jetzige Bildungsangebot mit musikalischem, sportlichem und sprachlichem Schwerpunkt wäre dann natürlich nicht mehr aufrechtzuerhalten.

Run auf die AHS

Sandrieser unterstellt einen Run auf die AHS Klasse 2020/21 und Dienstaufsichtsbeschwerden gegen Volksschullehrer stünden ins Haus, um Noten zu beeinspruchen, die der Aufnahme in die AHS entgegenstehen.
Sandrieser sieht keinen Unterschied mehr zwischen der NMS und AHS-Unterstufe, da die Lehrpläne komplett gleich seien.
„Eltern geben Kinder in die AHS, weil sie der Meinung sind, das sei der bessere Schultyp. Aber dort brauchen Schüler Nachhilfe, haben Probleme, es kommt zu schlechten Noten, gar zu Schulversagen. Diese Kinder kommen als Versager in die NMS zurück und müssen reintegriert werden, was eine große pädagogische Herausforderung für NMS-Pädagogen darstellt,“ stützt sich Sandrieser auf Zahlen, die seit 2016 in Klagenfurt erhoben wurden. „Ziel soll sein, in das hier vorort bestehende Bildungssystem , also die NMS, zu investieren und Eltern das sicheres Gefühl zu geben, dass ihre Kinder in der NMS gut aufgehoben sind.“

Vielfältiges Angebot der NMS Hermagor

NMS-Direktor Norbert  Leitner: „Italienisch und Slowenisch wird ab kommendem Schuljahr in allen NMS-Schulstufen angeboten. Die wirkliche Herausforderung ist heute das eigenverantwortliche Lernen. In 24 Modulen, auf alle Schulstufen aufgeteilt, wird fächerübergreifend den Kindern selbständiges Lernen vermittelt. Die Kinder arbeiten ihrem Leistungspotential entsprechend. So gelingt der Spagat zwischen leistungsschwachen und leistungsstarken Schülern hervorragend!“ Als Riesenproblem ortet er den Geburtenrückgang im Bezirk, der sich auf die Schule auswirkt. 2006/07 hatten wir 468 Schüler. Heute 264 Schüler, beinahe nur die Hälfte. Jedes Jahr verabschieden sich 2-3 Schüler, heuer dann 8, nach Villach an die AHS und die fehlen uns hier in der Region. Die Journalisten wollten abschließend von Sandrieser wissen, welchen Schultyp – Unterstufe oder NMS – er für seine Kinder ausgesucht habe. Er blieb die Antwort nicht schuldig: „Meine Entscheidung fiel auf das Slowenische Gymnasium mit Unter- und Oberstufe in Klagenfurt“.

Schwerpunktklassen sind abhängig von der Anzahl der Schüler

20 Schüler braucht man bspw. für die Führung einer einzigen Schwerpunkt-Klasse.  Mit den 66 Schülern können wir unsere 3 Schwerpunkt-Klassen führen. „Heuer erwarten wir 72, von denen 64 in der Hermagorer NMS bleiben, 8 Schüler haben sich laut Leitner in einer AHS Unterstufe in Villach angemeldet und nächstes Jahr kommen 58 Kinder aus der Volksschule. Ich sehe mit Sorge, dass wir die Schwerpunktklassen nicht mehr gewährleisten können, wenn Schüler in die AHS abwandern.“ Er betont auch den hohen Wohlfühlfaktor der NMS für die Schüler, den das Unterrichtsklima in den Klassen hier nicht zuletzt durch die neu gestaltete Schule mit ihren Lernzonen ermöglicht.

Ist die AHS-Unterstufe auch eine Chance für die Region

Jedes Kind, das in der Region bleibt, ist ein Gewinn für eine Abwanderungs-Region wie den Bezirk Hermagor. Mit einer AHS-Unterstufe in Hermagor könnten zusätzlich Kinder aus dem Lesachtal, Region Weissensee usw. nach Hermagor geholt werden, die sonst nach Villach oder Lienz in die AHS gegangen wären. Es ist nicht zu leugnen, dass es im städtischen Bereich nun Mal die zwei Bildungsschienen gibt und es in den Köpfen der Menschen verankert ist, dass das Bildungsangebot in Mittelschulen nicht an das einer AHS heranreicht.