„Die Straße der Freiheit“ – Eine Bilanz der ersten Tage nach der Plöckenpass-Öffnung

Friaul/Kötschach-Mauthen -

Seit vergangenem Freitag, dem 22. Mai, rollt der Verkehr auf der B110 über den Plöckenpass endlich wieder. Nach quälend langen Monaten der Vollsperre atmet das obere Gailtal und das Lesachtal spürbar auf. Doch hinter der Erleichterung lauert im Journal-Lokalaugenschein auch eine ernste Mahnung für die Zukunft: Die Straße ist zwar frei – doch der Berg schläft nicht.

Es war 14:30 Uhr am vergangenen Freitag, als auf dem Scheitel des Plöckenpasses (1.357 m) die Absperrbänder fielen. Begleitet von einem feierlichen Festakt mit Kärntens Straßenbaureferent LHStv. Martin Gruber und ihrer friulanischen Amtskollegin Cristina Amirante endete eine historische Durststrecke. Exakt 902 Tage nach dem verheerenden Felssturz vom Dezember 2023 und nach jüngsten, zähen Sanierungsphasen im heurigen Frühjahr ist die Lebensader zwischen Kärnten und Friaul-Julisch Venetien wieder passierbar. Für die Menschen im Tal fühlt es sich an wie der Gewinn einer verloren geglaubten Freiheit. „Es ist, als ob uns jemand den Stecker wieder reingesteckt hat“, beschreibt ein Gastwirt aus Kötschach-Mauthen die Stimmung im Gespräch mit dem Gailtal Journal.

Das Aufatmen der Wirtschaft: Rechtzeitig zum Pfingstgeschäft

Besonders im oberen Gailtal und im Lesachtal war der wirtschaftliche Schaden der langen Sperre immens. Der Tagestourismus aus Italien lag brach, und Frächter sowie Handwerker standen vor logistischen Alpträumen. Dass die italienische Straßenbehörde ANAS die Freigabe punktgenau vor dem wichtigen Pfingstwochenende realisieren konnte, rettet vielen Betrieben den Start in die Sommersaison. Die ersten Tage zeigen bereits: Die Italiener kommen wieder. Ob zum Einkaufen, für den Kärntner Speck oder einfach für den Wochenendausflug – das lebendige, grenzüberschreitende Flair ist zurück in den Straßen von Hermagor und Kötschach-Mauthen.

Der aktuelle Status auf der B110:

  • Verkehrsführung: Einspurig per Ampelregelung mit wechselseitigen Anhaltungen im Bereich der Schadensstelle (voraussichtlich bis Ende Juli 2026).

25 Millionen Euro für die Sicherheit

Dass die Straße überhaupt wieder befahrbar ist, gleicht einer ingenieurstechnischen Meisterleistung auf italienischer Seite. Rund 25 Millionen Euro wurden in die Absicherung der instabilen Felswände investiert. Unter anderem wurde der Felssturztunnel in der berüchtigten Haarnadelkurve 12 massiv verlängert, um die Fahrbahn vor künftigen Abgängen zu schützen. Trotzdem dämpfen Experten die Euphorie. Der Berg arbeitet unaufhörlich weiter. Friauls Regionalrats-Vizepräsident Stefano Mazzolini fand bei der Eröffnung deutliche Worte und warnte davor, sich auf dem Erreichten auszuruhen. Sollte es erneut zu einem massiven Naturereignis kommen, drohe der Alpenstraße mangels Stabilität die endgültige Schließung.

Der Blick nach vorn: Das laute Ruf nach dem Scheiteltunnel

In den Cafés und Betrieben des Tales ist die Wiedereröffnung daher zwar das Thema Nummer eins, gefolgt aber sofort von der Frage: Wie geht es langfristig weiter? Ein Provisorium mit Ampelregelung kann keine Dauerlösung sein. Während die sogenannte „Variantenstraße“ vom Tisch zu sein scheint, drängt Italien vehement auf das Projekt eines rund vier Kilometer langen, wintersicheren Scheiteltunnels. Auch die Wirtschaftskammer Kärnten und die Bürgermeister des Bezirks Hermagor stehen geschlossen hinter dieser Vision. Nun liegt der Ball bei der Kärntner Landesregierung und der Bundespolitik in Wien, die ausgestreckte Hand aus Friaul anzunehmen und die Finanzierung des Jahrhundertprojekts auf Schiene zu bringen. Selbst bei einer schnellen Einigung wird der Tunnelbau jedoch noch fünf bis 15 Jahre dauern. 

Fazit:

Die „Straße der Freiheit“ hat uns vorerst unser grenzenloses Lebensgefühl im Alpe-Adria-Raum zurückgegeben. Sie ist ein erfreuliches Etappenziel. Damit das so bleibt, muss die Politik jetzt den Tunnelblick im positiven Sinne wagen – damit die Region nie wieder 900 Tage lang abgeschnitten wird.