Erdbeben Friaul 1976: Zerstörung, Zusammenhalt und der Weg zurück

Kanaltal -

Am 6. Mai 1976 erschütterte ein verheerendes Erdbeben das Kanaltal in Friaul und machte innerhalb weniger Stunden tausende Menschen obdachlos. Die Katastrophe forderte nicht nur Opfer und zerstörte ganze Gemeinden, sondern löste auch einen beispielhaften grenzüberschreitenden Hilfseinsatz aus. Noch heute gilt das „Friaul-Modell“ als Symbol für schnelle Hilfe, Zusammenhalt und den unermüdlichen Wiederaufbau nach der Zerstörung.


Soforthilfe aus Kärnten

Hellwig Valentin, Büroleiter des damaligen Landeshauptmannes, Leopold Wagner, hat das Beben am 6. Mai in Klagenfurt miterlebt, als die Menschen während einer Aufführung aus dem Stadttheater ins sichere Freie stürmten. „Sofort als auf Grund der Stärke des Bebens klar war, dass es sich in Friaul um eine großflächige Zerstörung mit vielen Opfern handelt, hat LH Wagner mit dem damaligen Präsidenten von Friaul, Antonio Comelli, telefoniert. Wagner hat ihm am Katastrophenabend sofort jede Unterstützung von Seiten des Landes Kärnten zugesagt und schon in der darauffolgenden Nacht waren Hilfszüge aus Kärnten, sämtliche Blaulichtorganisationen und freiwillige Retter, nach Friaul unterwegs“, erzählt Valentin.

Kleine Geste, große Wirkung

Noch heute erzählt man in Gemona von der Bäckerei Lunacek aus Velden, die am 7. Mai 1976 das erste Brot nach Gemona lieferte, wo Menschen auf die Trümmer ihrer Existenzen blickten und einfach nichts hatten als das blanke Überleben: kein Wasser, keinen Strom, keine befahrbaren Straßen, kein Dach über dem Kopf, keine Habseligkeiten, keine Decke, kein Bett, keinen Kochtopf – einfach nichts.
 
Die engen Gassen von Gemona zeugen noch heute vom Wiederaufbau nach dem Erdbeben (c) Gerlind Robitsch

 Ruinen erzählen von Zerstörung und Zusammenhalt

Geht man heute durch Gemona oder Venzone, geben Museen, Ruinen, aus jenen Tagen, Foto-Ausstellungen und Beschilderungen Einblicke in die Katastrophe und auf das Nichts, das die Erdstöße hinterließen und machen auf eine dramatische Zeit aufmerksam, die das Größte hervorrief, was eine Gesellschaft zu leisten im Stande ist: sofortige Hilfe und Zusammenhalt weit über die Grenzen hinweg und der unbändige Wille, alles wieder aufzubauen – „wo es war und wie es war“. So sind die noch verbliebenen Ruinen nach einer 20 Jahre dauernden Wiederaufbauphase Mahnung und Gedenken zugleich. Viele Beschreibungen zu den Fotos in den Ausstellungen oder in den Gassen von Gemona weißen auf die Dankbarkeit der Menschen gegenüber dem damaligen Kärnten hin. Nur die rasche Hilfe aus dem Nachbarland habe das menschliche Leid gelindert, habe für Nahrung, Grundversorgung gesorgt, die Infrastruktur wiederhergestellt.
 
Bilder, Ruinen und Ausstellungen in Gemona und Venzone erinnern an die Zerstörung und den Zusammenhalt nach dem Erdbeben (c) Gerlind Robitsch

Österreichisches Bundesheer im Einsatz

Es war auch der erste große Auslandseinsatz des Österreichischen Bundesheeres nach 1955 mit rund 700 Soldaten, die mit Bagger, Planierraupen, Feldküchen oder Brückenbaumaterial anrückten. Von Kärnten waren die Soldaten des Pionierbataillons 1/Villach vor Ort. Viele freiwillige Feuerwehren aus Kärnten rückten mit Mann und Tankwagen an, um Trümmer zu beseitigen, Notunterkünfte aufzubauen oder die Menschen mit Wasser zu versorgen, mit Treibstoff oder Sanitärlösungen.

Grenzüberschreitende Hilfe in Friaul

Einer von ihnen war Erich Stocker, heute Pensionist der Berufsfeuerwehr Klagenfurt: „Wir waren 2 Tage nach dem Ereignis vor Ort, wir wussten, was zu tun war und wir hatten alles mit, auch für unsere Versorgung, fürs Übernachten, fürs Helfen, Graben und Wederherstellen. In der Bebenzone gab es nichts“, erinnert sich Stocker, der fünf Wochen durchgehend im Einsatz stand. Seiner Meinung nach war dieser grenzüberschreitende Katastropheneinsatz beispielgebend, denn bis zu diesem Zeitpunkt bestand zwar reger Austausch mit Friaul, aber niemand hatte sich im Ernstfall beweisen müssen.  „Die Belastung, wenn man neben den Straßen die Särge für die Opfer sieht, bis ins Innerste ihrer zerstörten Häuser kommt, Möbel und Habseligkeiten sucht und findet, muss man ausblenden, wenn man helfen will“, sagt Stocker. Noch jetzt nimmt er jedes Jahr im Herbst am großen Freiwilligentreffen in Italien statt, zu dem 2.000 Menschen kommen, die ehrenamtlich tätig sind.
 
Vom Erdbeben am 6. Mai 1976 betroffenes Gebiet (c) Gerlind Robitsch

Spuren der Zerstörung und des Wiederaufbaus

Bei unserem Rundgang in der Gegenwart mit Cristiane Riuz vom Tourismusverband werden uns die Augen geöffnet, was „wo es war und wie es war“ bedeutet hat: an vielen Säulen, Arkaden, Portalen, Wänden finden sich heute noch Nummerierungen. Mauerreste, Steine, wurden katalogisiert und an Hand von Fotos wieder an ihre richtigen Stellen gesetzt. Der sichtbare Unterschied zwischen „Neu“ und Ursprünglich wurde bewusst gesetzt, für ewig sollte sichtbar sein, dass die Menschen alle wieder aufgebaut haben. Dünne, rote Ziegelsteinschichten im Mauerwerk machen sichtbar, was die Erdbeben stehen ließen und ab welchem Niveau aufgebaut worden ist.

20 Jahre Wiederaufbau

Der gesamte Dom in Venzone wurde auf der Rivoli Bianci, einer Fläche außerhalb des Ortes, ackerzeilengleich Stein für Stein aufgelegt, katalogisiert, um ihn dann mit so vielen ursprünglichen Steinen wie möglich wieder aufzubauen – eine Aufgabe für 20 Jahre. Der Dom in Gemona, sein Kampanile war gänzlich zerstört, zeugt heute noch mit seinen schräg stehenden Säulen und dem aus den Trümmern geborgenen Resten eines Kruzifixes vom Schicksalstag Friauls. Auch die Burg von Gemona hat nicht nur im Turm ihr Wahrzeichen. Mittlerweile gehört der Kran, der seit dem Beben dort oben steht, zum Stadtbild. Der Wiederaufbau war klar strukturiert: Zuerst die Fabriken, dann die Wohnungen, zum Schluss die Kulturdenkmäler.
 
Dom in Gemona (c) Gerlind Robitsch

Solidarität bleibt unvergessen

100 Festveranstaltungen rund am und um den 6. Mai bis in den September hinein werden an die zerstörerische Gewalt, an die Opfer denken lassen, aber vor allem an die grenzüberschreitende Hilfe, die Nachbarschaft, die ein neues Band bekam. Viele Gedenktafeln in den Orten Friauls weisen auf den Dank der Bevölkerung gegenüber der Hilfswelle aus Kärnten hin.
Eröffnung und Gedenkveranstaltung in Dellach/Gail

Daten & Fakten

Erdbeben 6. Mai 1976, 20.59 Uhr

  • 8-9 auf der Mercalli Skala
  • 80.000 Menschen betroffen
  • 45.000 Obdachlose
  • 1.000 Todesopfer
  • 3.000 Verletzte
  • 77 Gemeinden

Erdbeben 11. September 1976, 18.31 und um 18.40 Uhr

Erdbeben 15. September 1976, 5 und 11.30 Uhr

  • über 10 auf der Mercalli-Skala.
  • Beschädigte Gebäude wurden vollends zerstört, teilweise sanierte Gebäude wurden wieder zerstört.
  • Weitere über 30.000 Menschen wurden obdachlos. Da die Menschen noch in Notquartieren und Zelten untergebracht waren, waren bei diesem Beben keine Todesopfer zu beklagen.
  • In Summe waren es 80.000 Kanaltalerinnen und Kanaltaler, viele Dokumente sprechen von 100.000, die mit diesem Herbst 1976 kein Dach mehr über den Kopf hatten. Die Hotels an der Adria wurden für viele geöffnet, damit die Obdachlosen über den Winter gekommen sind. Anbei ein Video
  • Der Bericht stammt vom Landespressedienst/Gerlind Robitsch.

Danke an @Gert Eggenberger für die Bereitstellung der Fotos: